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Studieren als Standard – wirklich der beste Weg?

Studieren ist heutzutage bei jungen Menschen sehr beliebt und gehört vielerorts zum „guten Ton„. Dabei bleibt es nicht immer beim klassischen Hochschulstudium, auch Fernstudien- und duale Studiengänge sind gern gewählte Varianten. In der Regel ist das Studium erst einmal mit finanziellen Einbußen oder auch Schulden verbunden, insgesamt erhofft man sich hiermit bessere berufliche Perspektiven und mehr Wohlstand. Doch verspricht das Studium wirklich (noch) die erwünschten Vorteile in der Berufswelt? Und was bedeutet es für die Gesellschaft und für jeden einzelnen, wenn plötzlich so viele Menschen studieren? Ein Kommentar.

Hintergrund

Studieren liegt im Trend bei jungen Menschen: Seit 2020 beginnen hierzulande jedes Jahr mehr junge Menschen zu Studieren als eine Ausbildung zu machen. Dies schlägt sich auch in den zuletzt veröffentlicheten Zahlen zu unbesetzten Aubildungsplätzen nieder. In diesem Jahr sind knapp 40% aller freien Ausbildungsplätze auch frei geblieben. Eine erschreckend hohe Zahl. Die Anzahl aller Studierenden jedoch steigt jährlich. Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Informatik, Medizin und Maschinenbau sind beliebte Studiengänge.

Insgesamt steuert unsere Gesellschaft durch Automatisierung und Digitalisierung in die Richtung, dass viele Prozesse vereinfacht und von Maschinen übernommen werden. Einige Jobs fallen hierdurch weg und man braucht insgesamt eine bessere Qualifizierung, um das selbe Lohnniveau bzw. die selben Lebensstandards zu halten. Ein (einfaches) Haus zum Beispiel konnten sich früher auch Bäcker Industriearbeiter leisten. Heute ist dies schwierig – und das selbst dann, wenn man ein Hochschulstudium abgeschlossen hat.

Letztens las ich eine Geschichte, in der jemand als „Arbeiterkind“ (= beide Elternteile mit Ausbildung) es geschafft hat, erfolgreich das Bachelorstudium abzuschließen. Das ist grundsätzlich erst eimal etwas sehr schönes, denn jeder Abschluss, sowohl an der Uni als auch bei einer Ausbildung, ist ein Grund zur Freude und zum feiern. Und die Bedingungen, als „Arbeiterkind“ mögen auch anders sein als bei jemandem mit Akademiker-Eltern. Dennoch wird mit dem erfolgreichen Studienabschluss hier ein gesellschaftlicher Aufstieg propagiert, den es unter Umständen in dieser Form gar nicht (mehr) gibt.

Studentenleben – früher und heute

Meine Eltern sind beide zur Uni gegangen und haben ihre Zeit dort sehr gemocht. Häufig erzählten sie Geschichten von Leuten aus ihrem Wohnheim oder andere Anekdoten aus dieser Zeit. So weit, so gut. Nur war dadurch dann auch mein Weg schon vorgezeichnet: natürlich sollte ich auch studieren. Sie haben es zwar nicht direkt gesagt, aber anhand von Aussagen wie „Weißt Du schon, was Du mal studieren willst?“ oder „das Studium war die schönste Zeit meines Lebens“ merkte man, dass eine Ausbildung nicht so stark befürwortet werden würde. Und ich? Ich wusste nicht genau, was ich denn machen wollen würde, ich wollte einen „normalen“ Job mit abwechselnden und zumindest halbwegs spannenden Aufgaben.

Mit 18 Jahren begann ich also ebenfalls zu studieren. Die Vorzüge des Studium (kein fester Tagesablauf, viele verschiedene Leute kennen lernen, unter der Woche feiern gehen, an der Uni selbst interessante Themen aufbereitet bekommen) wusste ich durchaus zu schätzen. Dennoch fehlte mir irgendwie ein strukturierter Tag und ich habe einige Zeit gebraucht, um mir selbst meinen Tag so zu organisieren, dass er für mich passte. Und war mir das ganze zu theoretisch, ich hatte das Gefühl, praktisch etwas tun zu müssen, was über Vorlesungen besuchen und Zusammenfassungen schreiben hinaus ging.

Nebenjob statt „richtigem“ Arbeiten

Also fing ich an zu arbeiten. Ich schlug mich durch verschiedene Nebenjobs, arbeitete erst als Kellnerin, dann an der Uni, zeitweise im Lager, interviewte zwischendurch Menschen für die Marktforschung und so weiter. Natürlich reizte es mich dass ich all den Aufwand auch monetär bezahlt bekam, aber grundsätzlich tat ich all das mehr „um etwas zu tun“. Im Nachhinein kommt mir das fast ein bisschen dumm vor, klar habe ich viele Erfahrungen auf diese Weise sammeln können, doch ich wünschte ich hätte lieber etwas gemacht, was mich wirklich beruflich weiter brachte. Oder ein Projekt in Richtung Selbstständigkeit gestartet, bei dem ich etwas tue hinter dem ich wirklich stehe. Aber ich wusste damals einfach nicht wie, viel zu viel Respekt hatte ich vor den Dingen und viel zu wenig solide Informationen.

Das ganze Lernen empfand ich als recht müßig. Ich hatte recht schnell den Dreh raus wie man eine Menge an Wissen in seinen Kopf aufnehmen und speichern kann, aber ein Fan davon war ich nicht. Nach dem Studium, hab ich mir gesagt, da kriegst Du dafür genau den Job, den Du willst und alles wird besser.

Jobsuche nach dem Studium – alles easy?

Nun, ganz so war es dann doch nicht. Ich hatte zwar gute Noten und zwei Praktika, aber richtig gearbeitet in meinem Bereich hatte ich nicht. Es war recht schwierig, sich ganz ohne Berufserfahrung bei Firmen auf den allerersten Job zu bewerben. Erfahrung bei Bewerbungen hatte man ja ebenfalls nur in geringem Umfang.

Der Ratschlag von meinen Eltern war lieb gemeint gewesen, sie wollten schließlich nur, dass ich genauso wie sie eine tolle und aufregende Zeit erlebte und nachher einen guten Job fand. Denn damals, als sie selbst studierten, war es noch etwas ganz besonderes, an der Uni zu lernen. Dies machten nicht viele und die Absolventen waren daher umso gefragter. Dies ist nun nicht mehr so, mit mir haben viele Menschen BWL und VWL studiert. Dadurch ist  man als Absolvent nur noch ein Korn in der Masse.

So schlug ich mich auch erstmal durch einen Job durch, den ich eigentlich nicht besonders spannend fand. Dabei begegnete ich Menschen in gleichrangigen oder höheren Positionen, die nicht studiert, sondern eine Ausbildung gemacht hatten. Im Vergleich zu mir waren sie im Business schon viel fester drin und hatten, auch bei etwa gleichem Alter, deutlich mehr Berufserfahrung auf dem Buckel.

Ausbildung die „bessere“ Alternative?

Schon während meines Studiums hatte ich manchmal neidisch zu meinen Schulfreunden aufgeschaut, die sich für eine Ausbildung oder auch für ein duales Studium entschieden hatten. Auf der einen Seite hatten sie nicht so viele Freiheiten und genossen nicht das Studentenleben wie ich es hatte. Aber andererseits konnten sie von Anfang an im Betrieb alles kennen lernen, mitarbeiten und verdienten gleich auch ihr eigenes Geld. Sie wohnten in Wohngemeinschaften und konnten sich zum Teil ein eigenes Auto leisten oder im Sommer üppiger in den Urlaub fahren. Während ich schauen musste, wie ich zurecht kam, vorwiegend Bus und Bahn nutzte und für meine kleineren Reisen Hostels buchte.

Es gibt Berufsfelder, die zwingend ein Hochschulstudium erfordern. Wenn Du zum Beispiel Ärztin werden willst, Anwalt oder Lehrer. Auch im naturwissenschaftlichen Bereich, den sogenannten MINT-Fächern, wird ein Abschluss an der Uni oftmals vorausgesetzt. Aber in anderen Bereichen, gerade in solchen mit gesellschaftswissenschaftlichem Bezug, ist dies nicht unbedingt der Fall, auch mit einer Ausbildung kann man in spannende Positionen kommen. Zwar bedeutet dies gegebenenfalls ein bisschen mehr Arbeit und einen ein klein wenig längeren Atem, doch dafür kann man auch schon eher damit starten und muss nicht zuvor mehrere Jahre in ein Studium investieren. In einer Firma, in der ich arbeitete, gab es zum Beispiel einen Geschäftsführer im Alter von Mitte bis Ende 30, der einen Realschulabschluss plus Ausbildung gemacht und sich dann hochgearbeitet hatte. Ich fand es beeindruckend zu sehen, dass er dies geschafft hatte. Es war ganz anders als das Bild, das ich zuvor zu Ausbildungen und Studieren im Kopf hatte.

Kombinationen und Varianten

Duale Studiengänge mit akademischem Abschluss gibt es seit 2009, also noch gar nicht allzu lang. Sie bieten den Vorteil, dass man hierbei sowohl an einer Ausbildung als auch an einem Studium arbeitet und zum Ende hin beides etwa gleichzeitig abschließt. Das Gelernte kann man hier gleich praktisch umsetzen und anwenden. Der Alltag von dual Studierenden ist durch sich abwechselnde Praxis- und Theoriephasen bestimmt und damit auch deutlich arbeitsintensiver als in einem klassischen Studium. Auch auf Semesterferien muss man verzichten, dafür stehen etwa 25 bis 30 Tage Urlaub pro Jahr zur Verfügung.

Auch berufsbegleitend zu studieren ist heutzutage keine Seltenheit mehr. Auf diese Weise können Menschen mit Ausbildung noch zusätzlich einen Uni-Abschluss machen oder Bachelor-Absolventen ihren Master ergänzen, während sie schon im Berufsleben stehen. Manche Unternehmen bieten ihren Angestellten auch die Möglichkeit, die Arbeitszeit während der Studienphase etwas zu reduzieren, zum Beispiel auf 80%, um beides besser vereinen zu können. Durch die entsprechende Weiterbildung können sie später in der Firma aufsteigen und verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen.

Personen die dies gewählt haben, beklagen sich jedoch häufig und nicht zu unrecht über die sehr hohe Arbeitsbelastung und Schwierigkeiten, Arbeit und Studium unter einen Hut zu bringen. Auch die Reduzierung der Arbeitszeit wird nicht immer gewählt, da dies ja auch ein geringeres Gehalt während dem gesamten berufsbegleitenden Studium – also über mehrere Jahre – zur Folge haben würde.

Fazit

Ob man mit einem Studium letzendlich mehr verdient? Mag schon sein. Im Durchschnitt wahrscheinlich schon, da hier ja auch Absolventen der Fächer Medizin und  Jura mit einberechnet werden. Aber ob das „mehr Verdienen“ durchs Studium auch für den Einzelnen gilt? Wohl nicht mehr unbedingt. Dafür startet man eventuell mit Schulden durch Bafög oder Studienkredite ins Berufsleben.

Bleibt festzuhalten: mein Studium war nicht der Türöffner, den ich mir erhofft hatte. Zum einen liegt das daran, dass heutzutage sehr viele junge Menschen studieren und das Studium als „Alleinstellungsmerkmal“ an Bedeutung verloren hat. Bereue ich es, studiert zu haben? Definitiv nein. Ich konnte währenddessen viele wertvolle Erfahrungen sammeln, die mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Würde ich wieder studieren? Wahrscheinlich nicht, denn das ganze war mit viel Aufwand verbunden und ein Hochschulstudium ist bei weitem nicht der einzige Weg, um beruflich glücklich zu werden.

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3 Kommentare

  1. Das Studium als einzig möglicher Weg ist leider immer noch in zu vielen Köpfen verankert. Bei mir ist es ganz ähnlich gelaufen. Ebenfalls ein „Arbeiterkind“ aber meine Eltern hatten sich eine eigene Firma aufgebaut. Da war natürlich klar, dass das Töchterchen studiert, egal was und wo! Eine Ausbildung stand gar nicht zur Debatte. Das hatte dann ein abgebrochenes Studium, ein Zweitstudium mit mittelmäßigem Berufserfolg und dann mit 30 eine komplette berufliche Neuorientierung (inkl. Studium) zur Folge. Wir sind heute freier in unserer Berufswahl und doch lassen wir uns sehr von gesellschaftlichen und familiären Erwartungen unseren Weg vorgeben.

    1. Redaktion says:

      Da stimme ich dir zu. Ich denke das liegt auch daran, dass man nach der Schule bzw. als junger Mensch zu wenig Infos darüber hat, was man beruflich alles machen kann. Dadurch lässt man sich ziemlich leicht von Familie und Gesellschaft beeinflussen – zumindest war es bei mir so. Das ist sehr schade, weil einem heute neben dem klassischen Studium so viele Wege offen stehen, die man gehen könnte.
      Ich hoffe Du hast nun für dich etwas gefunden, was dir Spaß macht und wo Du deine Ideen verwirklichen kannst!

      viele liebe Grüße,
      Hanna

  2. Mila says:

    ich denke das kommt sehr auf den jeweiligen Bereich an, manchmal ist ein Studium erforderlich oder man ist damit besser aufgehoben. Ich für meinen Teil habe eine Ausbildung gemacht und bin zufrieden damit.

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