ein Gastbeitrag von Kasra von leonfinanz
Fast jeder Ratgeber zum Notgroschen beantwortet dieselbe Frage: Wie viel Geld solltest du zurücklegen? Drei Monatsausgaben, sechs, irgendwo dazwischen. Die Zahl ist wichtig, aber sie verdeckt den eigentlichen Punkt. Ein Notgroschen ist kein Topf, den du füllst und dann abhakst wie die Rücklage für den nächsten Urlaub. Er verändert, wie du Entscheidungen triffst.
Ohne Puffer entscheidet oft das Konto für dich. Mit Puffer entscheidest du selbst. Um diesen Unterschied geht es in diesem Artikel, mit einer Rechnung, was dich das Fehlen eines Notgroschens kostet.
Autorenvorstellung

Kasra Nikbin schreibt auf leonfinanz.de über Alltagsfinanzen für Einsteiger: Notgroschen, Tagesgeld und ETF-Sparpläne, mit Rechenbeispielen statt Produktempfehlungen. Er möchte selbst finanziell unabhängig werden und gibt weiter, was er dabei lernt.
Ein Sparziel gibst du aus, einen Notgroschen behältst du
Ein Sparziel hat ein Ende. Du sparst auf ein neues Fahrrad, auf die Kaution, auf eine Reise. Ist das Ziel erreicht, gibst du das Geld aus, und der Topf ist leer. Das ist richtig so.
Der Notgroschen funktioniert anders. Im Idealfall rührst du ihn nie an. Sein Wert liegt darin, dass er da ist. Er gibt dir die Möglichkeit, in einer schwierigen Lage nicht sofort handeln zu müssen. Du gewinnst Zeit, und Zeit ist bei Geldentscheidungen fast immer der teuerste Rohstoff.
Deshalb lohnt es sich, ihn gedanklich anders einzuordnen. Er gehört in dieselbe Schublade wie eine Versicherung: unspektakulär, solange nichts passiert, und unbezahlbar, wenn etwas passiert.
Drei Entscheidungen, die du ohne Puffer nicht frei triffst
1. Die Reparatur am Monatsende
Die Waschmaschine gibt am 22. des Monats auf, die Reparatur kostet 600 Euro, das Konto zeigt noch 150 Euro. Ohne Rücklage bleiben dir zwei Wege: der Dispo oder die Ratenzahlung, die dir der Händler gleich mit anbietet. Beide kosten Zinsen, und beide verschieben das Problem in die nächsten Monate.
Mit einem Notgroschen bezahlst du die Rechnung, füllst den Puffer in den folgenden Wochen wieder auf und denkst nicht weiter darüber nach. Der Unterschied liegt weniger im Geld als im Kopf: Du musst keine schlechte Option wählen, nur weil keine gute zur Verfügung steht.
2. Der Job, der dir nicht guttut
Viele bleiben in einer Stelle, die sie unglücklich macht, weil sie sich eine Lücke nicht leisten können. Dazu kommt eine Regel, die kaum jemand kennt, bevor sie greift: Kündigst du selbst, ohne wichtigen Grund, verhängt die Arbeitsagentur in der Regel eine Sperrzeit von bis zu zwölf Wochen. So steht es in § 159 SGB III. In dieser Zeit zahlt sie kein Arbeitslosengeld, und die gesamte Bezugsdauer verkürzt sich zusätzlich.
Bei monatlichen Ausgaben von 2.000 Euro bedeuten zwölf Wochen ohne Einkommen rund 6.000 Euro, die du aus eigener Tasche überbrücken musst. Wer das nicht kann, kündigt nicht, auch wenn alles dafür spricht. Ein Notgroschen macht aus dieser Sackgasse eine echte Entscheidung.
3. Die eigene Wohnung, das eigene Konto
Finanzielle Abhängigkeit in einer Partnerschaft entsteht selten mit Absicht. Oft verdient eine Person weniger, arbeitet in Teilzeit oder ist in Elternzeit, und irgendwann läuft alles über das gemeinsame Konto. Das funktioniert, solange alles gut läuft.
Eine eigene Reserve auf einem eigenen Konto ist kein Misstrauen. Sie bedeutet, dass du jederzeit handlungsfähig bleibst, ob es um einen Umzug, eine Weiterbildung oder einen Neuanfang geht. Gerade wer gerade weniger verdient, profitiert am meisten davon, früh damit anzufangen, auch mit kleinen Beträgen.
Die Rechnung: Was es kostet, keinen Notgroschen zu haben
Unerwartete Ausgaben sind keine Ausnahme, sie sind der Normalfall. Mal ist es das Auto, mal die Zahnarztrechnung, mal die Nachzahlung für die Nebenkosten. Nehmen wir an, über das Jahr verteilt fehlen dir im Schnitt 1.500 Euro, die du ohne Rücklage über den Dispo abdeckst.
Bei einem Dispozins von 12 Prozent, wie er bei vielen Banken üblich ist, kostet dich das rund 180 Euro Zinsen im Jahr. Liegen dieselben 1.500 Euro dagegen auf einem Tagesgeldkonto mit 2 Prozent, bekommst du rund 30 Euro Zinsen gutgeschrieben.
| Ohne Notgroschen (Dispo, 12 %) | Mit Notgroschen (Tagesgeld, 2 %) | |
| Pro Jahr | rund 180 Euro Zinsen gezahlt | rund 30 Euro Zinsen erhalten |
| Nach 5 Jahren | rund 900 Euro gezahlt | rund 155 Euro erhalten |
| Unterschied nach 5 Jahren | rund 1.055 Euro |
Annahmen: durchschnittlich 1.500 Euro für Unvorhergesehenes, Zinssätze vereinfacht und konstant, vor Steuern.
Rund 1.000 Euro in fünf Jahren klingt überschaubar. Die Tabelle zeigt aber nur den kleinen Fall. Die Sperrzeit aus dem zweiten Beispiel kostet dich ein Vielfaches davon, wenn du sie nicht überbrücken kannst und deshalb in einem Job bleibst, der dich ausbrennt. Diese Kosten stehen auf keinem Kontoauszug.
Wie du anfängst, ohne dich zu überfordern
Der häufigste Fehler ist, die Zielsumme so groß anzusetzen, dass du gar nicht erst beginnst. Drei Monatsausgaben bei 2.000 Euro sind 6.000 Euro, und diese Zahl schreckt ab. Teile den Weg deshalb in Etappen.
1. Erste Etappe: 1.000 Euro. Das deckt die meisten kaputten Geräte und Reparaturen ab und hält dich in vielen Monaten aus dem Dispo.
2. Zweite Etappe: eine Monatsausgabe. Damit überstehst du auch eine größere Rechnung, ohne in Panik zu geraten.
3. Dritte Etappe: drei Monatsausgaben. Wer selbstständig arbeitet, befristet angestellt ist oder allein für Kinder sorgt, plant eher mit sechs.
Maßstab sind deine Ausgaben, nicht dein Gehalt. Wie du sie in wenigen Minuten zusammenrechnest, habe ich auf leonfinanz.de beschrieben: Wie viel Notgroschen du zur Seite legen solltest.
Richte einen Dauerauftrag direkt nach dem Gehaltseingang ein, auch wenn es anfangs nur 50 Euro sind. Was am Monatsanfang weg ist, gibst du nicht aus. Steuererstattungen, Weihnachtsgeld oder ein Bonus beschleunigen den Aufbau spürbar.
Wo der Notgroschen hingehört
Der Notgroschen gehört auf ein eigenes Tagesgeldkonto, getrennt vom Girokonto. Dort ist das Geld jederzeit verfügbar, bringt etwas Zinsen und liegt nicht im Blickfeld deiner täglichen Ausgaben. Bis 100.000 Euro je Bank und Kunde greift die gesetzliche Einlagensicherung.
Nicht in den ETF-Sparplan: Der Notgroschen muss dann verfügbar sein, wenn du ihn brauchst, und das ist manchmal genau der Moment, in dem die Börse im Minus steht. Und nicht in bar zu Hause, denn dort bringt er keine Zinsen und ist im Ernstfall nicht sicher.
Was sich mit Notgroschen für dich verändert
Der größte Effekt eines Notgroschens zeigt sich nicht in der Zinsrechnung, sondern im Alltag. Du verhandelst dein Gehalt anders, wenn du nicht auf jeden Euro angewiesen bist. Du sagst leichter Nein zu einem Ratenkauf. Du kannst eine Weiterbildung beginnen, ohne Angst vor der nächsten Rechnung zu haben.
Finanzielle Unabhängigkeit beginnt deshalb nicht mit dem ersten ETF und nicht mit der ersten Million. Sie beginnt in dem Moment, in dem eine unerwartete Rechnung dich nicht mehr aus der Bahn wirft. Der Notgroschen ist der Baustein, der diesen Moment möglich macht.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung.
Ich denke, dass man beim Notgroschen die eigene Situation berücksichtigen sollte.
Ich mache mal die Extrembeispiele auf:
1. Ein Partner verdient aktuell allein, der andere Partner ist aufgrund Kindererziehung zu Hause. Die Person, die arbeitet, ist selbständig tätig und hat Steuervoraus- bzw. -nachzahlungen zu erwarten. Die Familie ist auf ihre(n) PKW angewiesen und kann den ÖPNV nicht sinnvoll nutzen.
2. Ich habe nach dem Studium (2018) ganz gut verdient (2.600€ netto). Meine Fixkosten lagen bei etwa 850€. Allerdings hätte ich die 5 km zur Arbeit natürlich auch ohne PKW erreichen können. Meinen Job habe ich gern gemacht und ich hätte nie gekündigt. Und wenn sich etwas zum Negativen entwickelt hätte, hätte ich ja nur einmalig die Sparpläne aussetzen müssen und hätte genug Geld gehabt, um die 3 Monate Sperrfrist im ALG überbrücken zu können. Meine Waschmaschine hatte ich neu für 300€ gekauft – reparieren würde ich diese sowieso nie. Wenn sie eines Tages mal über den Jordan geht gibt es eine neue, sollte ich sie nicht selbst repariert bekommen. Jedoch läuft sie aktuell noch problemlos.
Meinen nicht vorhandenen Notgroschen habe ich bislang genau einmal vermisst. Ich hatte 2023 einen schweren Unfall als Radfahrer, der vom Auto übersehen wurde. Durch meine schweren Verletzungen und aus dem Krankenhaus heraus fiel es mir schwer, den Streit zwischen gegnerischer Haftpflicht, der Rentenversicherung, der Krankenversicherung und meinem Arbeitgeber zu orchestrieren. Geld bekam ich jedenfalls nach Auslauf der Lohnfortzahlung erstmal keines mehr. Als ich nach 3 Monaten Rehabilitation wieder zurück in den Job kam, kamen dann die ganzen mir zustehenden Gelder (Krankengeld, die Differenz von Krankengeld zu meinem Gehalt, Schmerzensgeld, Schadensersatz für meine zerstörten Sachen, Kostenübernahme von Medikamenten, usw.).
Was mir zugute kam war, dass mein Gehalt zu dem Zeitpunkt recht gut war und ich wirklich nur die Sparpläne stoppen musste. Dazu kam, dass mein Depot zu dem Zeitpunkt schon etwa 300€ monatlich ausgeschüttet hat. Hätte sich das Ganze aber noch wesentlich länger gezogen, hätte ich notfalls wohl auch auf mein Depot zugreifen müssen. Dieses hatte zu dem Zeitpunkt etwa 190.000€, sodass es kein allzu großes Problem gewesen wäre. Allerdings hätte ich auf die aufgelaufenen Gewinne natürlich ordentlich Steuern zahlen müssen, wodurch das sehr unattraktiv gewesen wäre.
Abgekürzt: ich (und viele andere Personen in meiner Bubble) haben Sparquoten, die so hoch sind, dass die Risiken eines kleinen oder nicht vorhandenen Notgroschens sehr überschaubar sind. Andere Menschen sind in einer anderen Lebenssituation, die eine größere Absicherung bedingen.
Da kann ich nur zustimmen, die persönliche Situation ist auf jeden Fall ausschlaggebend dafür, wie viel Absicherung man braucht. Hinzu kommt noch die eigene Einstellung: manche Menschen brauchen mehr “Sicherheitsgefühl” als andere, die sich auch mit einem kleinen Notgroschen wohlfühlen. Es macht aber auf jeden Fall Sinn, sich einmal mit dem Thema zu beschäftigen und dies für sich selbst zu entscheiden.